Esel auf dem Eis

Die Schrauberwerkstatt in Auer bei Bozen, in der sich die Jungs gerade an meinem Auto zu schaffen machten, lag direkt neben einem Getränkegroßhandel. Wir erstanden dort einen Kasten Forst-Bräu, angeblich das Lieblingsbier der Belegschaft, gedacht als kleine Aufmerksamkeit dafür, dass man sich meinem kaputten Auto deutlich nach Feierabend annahm. Die Kühlmittelwarnlampe hatte in den letzten Tagen schon ein paarmal geleuchtet und war auch durch eifriges Nachfüllen an den Tankstellen nicht zu beruhigen gewesen. Freund Andi hatte mir schließlich den Tipp mit seiner Schrauberbude gegeben: „Die können alles.“ Beim ersten Blick in die Werkstatt war klar: Sie können vor allem Motoren ausbauen. An drei von vier Werkstattwänden stapelten sich mannshoch dem Augenschein nach untüchtige Antriebsaggregate verschiedenster Fabrikate. Weilte ich nicht in Südtirol sondern in Kassel, ich hätte mich in einem ganz besonders abgefahrenen Showroom der Documenta gewähnt. Ein kleiner, recht bulliger Mechaniker, hatte „ratsch-ratsch!“ das Auto mit einer mobilen Hebebühne angehoben, er verschwand darunter auf einem Rollbrett, es machte viermal „trr-trr!“, schon lag die Schallschutzplatte neben dem Wagen. Ein paar Augenblicke später tauchte sein Kopf unter dem Gefährt auf. „Kühlmittelschlauch, Marderschaden. Ersatzteil haben wir nicht.“ Was nun? Ich musste anderntags weiter.  „Kein Problem, das kann ich flicken. Das hält erstmal.“ Er schnappte sich eine Rolle Gaffer Tape, tauchte wieder ab, es machte zweimal „ritsch-ritsch!“, viermal „trr-trr!“, Monteur raus, Auto runter – fertig. Ich fragte ihn, was er dafür bekäme, er zuckte mit den Schultern und telefonierte mit seinem Chef. „20 Euro“, das war der Preis. Okay, und ein Kasten Bier.

Die Reparatur hielt während des gesamten Rests der Urlaubsreise und weit darüber hinaus, rund 2000 Kilometer, ohne dass ich einen Tropfen Kühlflüssigkeit hatte nachfüllen müssen. Wahrscheinlich hätte sie auch bis ans Ende der Tage des Autos gehalten. Da ich nun aber ein von Grund auf ordentlicher Mensch bin, machte ich dann Anfang November doch einen Termin in meiner Heimatwerkstatt, um statt des mittels südtirolerischer Pfiffigkeit erstellten Provisoriums ein Original VW-Ersatzteil einbauen zu lassen. Besagte Heimatwerkstatt liegt ziemlich am Rand von Hildesheim, da das Wetter aber noch spätherbstlich schön war, beschloss ich, zu Fuß nach Hause zu gehen. Doch das Schicksal hatte sich schon eine andere Agenda für mich ausgedacht: Direkt vor der Werkstat stand auf dem Fußweg ein schicker, offensichtlich nagelneuer E-Scooter der Firma „Tier“. Er lächelte mich freundlich an und rief so etwas wie „Nimm mich!“. Hmm, warum eigentlich nicht? Hatte ich doch schon immer all die hippen, urbanen, coolen Typen bewundert,  die mit ihren Umhängetaschen und lauthals über Headsets telefonierend durch die Stadt flitzten, um in irgendwelchen angesagten Co-Working-Spaces ihr mega-heißes Startup auf das nächste Level zu hieven? Auja, das wollte ich auch mal ausprobieren! Schnell war die App heruntergeladen, der Roller mittels QR-Code freigeschaltet – und schon flitzte auch ich. Hach, was fühlte ich mich modern!

Die ersten acht Minuten ging auch alles gut, keine Frage, flugs hatte ich den Kreisverkehr am Hildesheimer Hauptbahnhof erreicht. Doch dann war da diese kleine Längskante beim Übergang des Radwegs zur Fahrbahn, die mich straucheln ließ. Jeder vernünftige Mensch wäre nun einfach vom Roller gekippt und hätte sich ganz normal auf die Klappe gelegt. Doch mir schien das zu profan, das war mir einfach zu wenig. Also drückte ich mit dem rechten Daumen noch einmal kräftig auf den Speed-Hebel, der Roller schoss unter mir hinweg wie ein durchgehendes Pferd und ich lag in ungefähr einem Meter Höhe waagerecht in der Luft. Allerdings nicht lange, das mit der Schwerkraft muss ich hier ja jetzt nicht nochmal erklären. Ich knallte rücklings mitten auf den Kreisel und sah kurz vor dem Aufschlag noch aus dem Augenwinkel den herannahenden Stadtbus der Linie 1, ein Gelenkbus, voll besetzt. 

Das erste, was mir durch den Kopf schoss, nachdem ich platt auf der Straße lag, war: Aua, das war jetzt aber glaube ich richtiger Mist. Ein durchdringender Ganzkörperschmerz übermannte mich innerhalb von Zehntelsekunden. Das zweite, woran ich dachte, war: Du musst jetzt aufstehen, und so tun, als habe das gar nicht weh getan, noch besser: so, als stiegest du immer so ab. Ich richtete mich auf, unterdrückte die Schmerzensschreie, klopfte mir den Staub von der Jacke, hob die Hand und nickte zum Stadtbus hinüber: Alles klar, kümmert euch nicht um mich, das passt schon. Ich sah gezückte Handys, applaudierende Menschen und einen kopfschüttelnden Busfahrer. Rasch den Roller geparkt und ausgecheckt. Acht Minuten Fahrtzeit, 3,20 Euro, da kann man eigentlich nichts sagen.

Eine Stunde später stand ich vor dem Röntgenapparat meines Lieblings-Unfallchirurgen. Es wurden zwei Aufnahmen gefertigt und ein junger Mann, von dem ich nur annehmen konnte, dass er Arzt war, weil er sich mir nicht vorgestellt hatte, sagte, ich hätte Glück gehabt, es sei nichts gebrochen. Wahrscheinlich ein Prellung. Die täte aber auch weh. Wenn es nach einer Woche nicht besser sei, solle ich wiederkommen, ein MRT würde dann Klarheit schaffen können. 

Es wurde natürlich nicht besser, die Schmerzen waren nur mit einer schwungvollen Dosis Ibuprofen in den Griff zu bekommen. Noch am Unfalltag hatte übrigens auch mein Verdauungstrakt die Funktion eingestellt, eine sehr unangenehme Hartleibigkeit begleitete mich bis zum Tag der MRT-Untersuchung: Man setzte mir Gehörschutzkappen auf und schob mich in eine Röhre, in der ich mir in Höllenlautstärke ein elektronisches Konzert anhören musste, Minimal Music, John Cage, Philipp Glass, diese Richtung. Interessant, aber nach 20 Minuten Dauerfeuer auch nervig. Wenig später wurden mir von einer weiteren medizinischen Fachkraft die Aufnahmen vorgeführt. Sie sagte: „Herr Brunnert, sie sind jetzt 65, mit der Wirbelsäule schaffen sie noch mal 65, Glückwunsch.“ Tatsächlich, das sah alles tipptopp aus: ebenmäßige Abstände, Bandscheiben so dick wie Filetsteaks. „Allerdings“, fuhr die Dame fort, „ihr erster Lendenwirbel ist gebrochen – hier.“ Sie deutete auf eine Unregelmäßigkeit auf dem Bild. „Und nun?“, fragte ich zaghaft. Vor meinem inneren Ohr hörte ich schon „ratsch-ratsch!“, „trr-trr!“ und „ritsch-ritsch!“. Aber sie beruhigte mich und sagte, nein, eine OP sei wohl nicht erforderlich, das brauche lediglich ein paar Wochen Zeit zum Heilen, da könne man ansonsten nichts machen.

So, prima, Wirbelbruch, dann kann ich da jetzt auch endlich mitreden. Was soll ich sagen? Tut weh und dauert. Aber sonst ist eigentlich alles in schönster Ordnung.

Nachsatz eins: Meine Skepsis hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit der E-Mobilität hat durch die geschilderten Ereignisse neue Nahrung bekommen.

Nachsatz zwei: Die Rechnung für die Reparatur des Kühlmittelschlauchs belief sich auf 507,07 Euro, der Betrag, den die behandelnden Ärzte für ihre Bemühungen liquidierten, war geringfügig höher. Vielleicht sollte ich mir den nächsten Wirbel mal in Südtirol brechen. Die machen da schließlich alles für’n Kasten Bier.