Leseprobe

Eine kleine Glosse aus der Kolumne “Peter macht Schluss”, erschienen im Magazin “klettern”, Heft 04/2014

Frühlingsfrustrationen

In der Hildesheimer Innenstadt hat kürzlich eine Filiale der „Harzer Wursthütte“ eröffnet. In weißer Schaufenster-Pinselschrift wurden neben dem erwartbaren Mettwurst-Einerlei auch diverse andere, nicht minder deftige Spezialitäten angepriesen. Doch mein Auge blieb nicht an jenen hängen, sondern an folgendem Angebot (wörtlich): „Kaffee oder Togo – 1,50 €!“ Okay, ich wusste natürlich sofort, was gemeint war, gehören doch die sabbernd an plastikbedeckelten Pappbechern Nuckelnden ebenso zum Alltagsbild in deutschen Fußgängerzonen, wie die kurzbehosten Flip-Flop-Träger, die, auf ihre Smartphones glotzend und Döner-Matsch in sich hinein stopfend, an all den Stores, Sales, Outlets, Fashionfactories und Back-Shops (Rückengeschäften?) entlangschlurfen. Die kulturelle Errungenschaft, dass man gewisse Dinge nicht draußen und schon gar nicht in der Öffentlichkeit und erst recht nicht gehend erledigen sollte, ist uns ja spätestens zu dem Zeitpunkt abhanden gekommen, an dem wir von pappmützigen Fleischklopsbraterei-Mitarbeiterinnen mit der Frage „Zum Hier-Essen oder zum Mitnehmen?“ konfrontiert wurden.

Zu den Dingen, die man meiner Meinung nach hingegen unbedingt draußen tun muss, gehört das Klettern. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass die Schnapperei in den des Winters aufgesuchten Verrichtungsanstalten kein Selbstzweck werden, sondern streng und hygienisch vom wahren Sport geschieden werden sollte! Über die Trainigseffekte, die uns das Hallengerumpel beschert, sollten wir uns zudem keinen all zu großen Illusionen hingeben. Diese Erfahrung durfte ich auch in diesem Jahr aufs Neue machen. Durch regelmäßiges, im Grunde freudloses, aber mit einem (im Sitzen aus einer Porzellantasse eingenommenem) Cappuccino belohntes Boulderhallentraining vermeintlich gestählt, ging’s kürzlich frohen Mutes an die heimischen Ith-Felsen. Es genügten wenige Meter, um mich vollends zu ernüchtern. Folgendes galt es zu konstatieren: Es gibt draußen keine Tritte! Die Griffe haben alle die gleiche Farbe! Am langen Arm klettern bringt gar nichts! Diese affektierte Eindreherei ist an Naturfels ebenso nutzlos wie albern! Die Wege sind alle länger als 4 Meter! Und, verdammt noch mal: Es gibt nicht einen einzigen Griff, der annähern so groß ist, wie diese ganzen Plastikboller in der Halle! Stattdessen nur fingermordende Popel-Löcher und winzige Käntchen. Womit wir übrigens wieder bei einem dieser Togo-Sprüche wären, allerdings bei einem, den man in der guten alten Zeit auf den plastikbestuhlten Terrassen der klassischen Kurgast-Cafés zu hören bekam: „Draußen nur Käntchen!“

Woher die das wohl wussten?

2014-04 Frühlingsfrust